Interview

Der Netzausbau braucht neue Engineering-Prozesse

Michaela Imbusch, Produktmanagerin für den Bereich Power Transmission and Distribution bei AUCOTEC, über aktuelle und künftige Engineering-Herausforderungen für Energienetzbetreiber und –hersteller.

Welches sind Ihrer Erfahrung nach heute die grössten Herausforderungen für Betreiber von Energie-Verteilnetzen?
Mit dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien steigt der Bedarf an Stromnetzen enorm. Ihr Ausbau ist dringend geboten, schon heute übersteigt das Stromangebot immer wieder die Kapazitäten der Verteil-Infrastruktur. Die Betreiber stehen unter hohem Druck. Druck kommt auch
aus der Politik. Zum einen sollen die Netze schnellstmöglich ausgebaut werden, zum anderen verzögern sich Inbetriebnahmen und damit Einkünfte, z. B. durch die Erdverlegung der Leitungen in Süddeutschland.

Dezentrale Energieerzeugung vom Windpark bis zum privaten Solardach ergibt erheblich steigende Projektmengen und -volumina, da sie ein Vielfaches an Umspann-Anlagen und Netz-Infrastruktur erfordert.

Wie sieht es bei den Zulieferern aus?
Sie erfahren denselben Druck. Betreiber wollen maßgeschneiderte Planung und Dokumentation nach hauseigenen Richtlinien. Datenübergaben und -abgleiche zwischen Herstellern und Betreibern sind oft ein langwieriges „Pingpong“ mit hohen Reibungsverlusten. Bis zu 20 % ihres Auftragsvolumens können Lieferanten häufig erst dann abrechnen, wenn die Dokumentation Richtlinien-konform adaptiert ist.

Das kommunikative Hin und Her beginnt schon bei der Ausschreibung. Lieferanten müssen die Anforderungen erst einmal verstehen, und es kostet die Betreiber viel Zeit, die Angebote zu vergleichen. Der Aufwand auf beiden Seiten ist immens – und zahlt sich naturgemäß nicht immer aus.

Was heisst das fürs Engineering in diesem Bereich?

Es braucht viel schnellere Projektlaufzeiten bei gleichbleibender Qualität. Zusätzliche Fachkräfte sind kaum zu bekommen. Um das deutlich höhere Pensum bei gestiegenem Zeitdruck mit fast gleichbleibender Manpower zu bewältigen, müssen die Engineering-Prozesse ganz neu aufgestellt
werden. Betreiber und Lieferanten stehen gleichermassen unter Druck.

Wie unterstützt AUCOTEC die beiden Seiten?

In über 30 Jahren Softwareentwicklung hat AUCOTEC ein immenses Know-how aus Erfahrung und Branchenkenntnis angehäuft. Daher wissen wir, wer von bereits funktionierenden Lösungen profitieren kann und wen wir zusammenbringen müssen, um signifikante Synergien zu schaffen. Das
erwähnte „Pingpong“ können wir für beide Seiten erheblich reduzieren.

AUCOTEC pflegt traditionell enge Kundenkontakte und lädt seit Jahrzehnten regelmäßig Hersteller, Betreiber, EPCs und Ingenieurbüros zum Informationsaustausch in den EVU-Arbeitskreis. Hier wurde schon so mancher Standard und mancher maßgebliche Impuls gesetzt zur Weiterentwicklung von AUCOTECs Engineeringsystemen für den Power-Sektor.

Was muss ein Engineeringsystem mitbringen, um heute und in Zukunft die
Netzanbieter und ihre Zulieferer effizienter zu machen?

Es muss auch künftigen Wandeln flexibel begegnen können und offen für neue, viel kooperativere Workflows sein. Einzelne Feature-Optimierungen sind schon lange nicht mehr ausreichend. Es geht darum, den Prozess bei Betreibern und Zulieferern im Ganzen zu betrachten, Prozess- und
Medienbrüche aufzudecken und zu minimieren.

Wie weit deckt AUCOTEC diese Anforderungen heute schon ab und was
charakterisiert Ihre Lösung?

AUCOTEC hat dafür eine in diesem Sektor einzigartige, hochflexible Lösung. Die Plattform Engineering Base (EB) ist in vielen Unternehmen wie RWE, SAG, TenneT, ABB oder GE Grid heute schon im Einsatz. Als single source of truth erlaubt sie simultanes Arbeiten verschiedener Disziplinen und Standorte an einem Projekt – ohne mehrfache Dateneingaben, aufwändige Abgleiche oder
Absprachen. EB macht ganz neue Workflows möglich, mit höchstmöglicher Fließgeschwindigkeit bis in die Nebenarme des Engineerings.

Zu der grundlegenden Datenbankbasierung liefern wir für den Power-Sektor alle EVU-spezifischen Dokumente und automatisierten Folgereports, die dort gefordert sind.

In Zusammenarbeit mit unseren Kunden wurden Workflows analysiert, in den EVU-Richtlinien beschrieben und in der Software umgesetzt, so dass eine maßgeschneiderte Lösung für die Energieverteilung- und -übertragung entstand.

Wie sehen Sie die Zukunft des Engineerings für die Energieversorgung?

Bisher wurden Kraftwerke verbrauchsnah gebaut. Mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien fallen Stromerzeugung und -verbrauch geografisch immer mehr auseinander und die Einspeiseleistungen schwanken stark. Die Netzinfrastruktur muss das auffangen. 

Hersteller und Betreiber setzen zunehmend neue Technik ein, die in Richtung „Netze 4.0“ geht. Schutzgeräte beispielsweise werden immer mehr zu Leittechnik. Die Schutz- und Leittechnik muss, um die Netzbalance sicherzustellen, die vielen dezentralen Erzeugungs-Stationen zu virtuellen 
Kraftwerken zusammenfassen, die Kommunikation und Einspeisungen regeln. 

Neben diesen Herausforderungen ist Wirtschaftlichkeit natürlich existenziell. 

Mehr Effizienz, Flexibilität und Schnelligkeit bei höchster Sicherheit und Qualität sind keine neuen Themen, aber notwendiger denn je. Und zwar schon mit Beginn des Ausschreibungsprozesses. Nur zwischen 5 und 
30 Prozent der Ausschreibungen werden tatsächlich gewonnen. Hier drastisch weniger Zeit zu verlieren heißt Geld mit „echten“ Projekten zu verdienen. 

Erste Startups versuchen zudem, den klassischen Energieversorgern Marktanteile abzunehmen, indem sie etwa Verwaltungs-Dienstleistungen für virtuelle Kraftwerke anbieten. So bringt der Energiewandel neue Chancen und Geschäftsmodelle mit sich. Aber auch die müssen in die Kommunikation und Dokumentation der Anlagen eingebunden werden. Konsistente, durchgängige Kooperation und Offenheit wird in der Engineering-Zukunft unabdingbar sein.